Rip Her to Shreds
Suche EN

Was ist New Wave?

New Wave erklärt: wie der Begriff 1976 aus dem Punk entstand, wie die Musik klingt, welche Bands sie prägten und was sie mit der Neuen Deutschen Welle verbindet.

Stile Veröffentlicht

New Wave bezeichnet die melodische, oft radiotaugliche Musik, die ab 1976 aus dem Punk hervorging und bis Mitte der Achtziger die Popmusik veränderte. Von Punk übernahm sie die kurzen Songs, das Tempo und die Abneigung gegen lange Soli. Neu kamen hinzu: eingängige Refrains, Orgeln und Synthesizer, Ironie, tanzbare Rhythmen und der offene Wunsch, gehört zu werden. Wer heute New Wave sagt, meint meist Blondie, Talking Heads, Elvis Costello, The Cars, Devo oder The B-52’s und später die Synthesizer-Bands, die das frühe MTV prägten.

Wichtig ist: New Wave war nie ein fester Stil, sondern ein Etikett, das wanderte. 1976 hieß es fast dasselbe wie Punk. 1978 stand es für alles aus den Punk-Clubs, was nicht nach den Sex Pistols klang. Und 1982 nannte ein Teenager in Ohio jede britische Band mit Föhnfrisur und Keyboard New Wave.

Woher der Begriff kommt

Der Name ist von der französischen Nouvelle Vague geliehen, der Filmbewegung um Godard und Truffaut. Um 1976 verwendeten Kritiker in New York ihn für die Bands aus dem CBGB und dem Max’s Kansas City. Die britischen Wochenblätter schrieben 1977 Punk und New Wave oft im selben Artikel, ohne einen Unterschied zu machen.

Getrennt wurden die Begriffe von zwei Seiten. Die Plattenfirmen mochten New Wave lieber, weil Punk nach dem Fernsehauftritt der Sex Pistols im Dezember 1976 ein Wort war, mit dem man Konzerte abgesagt bekam. Und die Bands waren schlicht zu verschieden: Talking Heads mit ihrem Kunsthochschul-Funk hatten mit The Damned wenig gemeinsam. Ein zweites Wort half beim Sortieren.

Wie New Wave klingt

Einen einheitlichen Sound gibt es nicht, wohl aber Merkmale, die man auf fast jeder Platte hört:

  1. Kurze, straffe Songs. Drei Minuten sind normal, der Refrain kommt früh.
  2. Nervöser Rhythmus. Gerade, treibende Achtel, oft schneller als im Rock der Siebziger, manchmal mit Anleihen bei Disco oder Reggae.
  3. Keyboards als Hauptstimme. Billige Orgeln mit Sixties-Klang, später Synthesizer und Drumcomputer von Roland, Korg oder Sequential Circuits.
  4. Saubere Gitarren. Weniger Verzerrung als im Punk, dafür zerhackte Akkorde und kantige Figuren.
  5. Distanzierter Gesang. Kühl, ironisch, bewusst flach. Die Sängerinnen und Sänger spielen Rollen.
  6. Ein klares Bild. Schmale Krawatten, Second-Hand-Kleider, grelle Farben und eine starke Grafik auf Plattenhülle und Plakat.

Die erste Phase: New York und London

In New York wuchs New Wave direkt aus der Punk-Szene rund um die Bowery. Blondie verbanden auf ihrem Debüt von 1976 die Girlgroups der Sechziger mit Punk-Tempo und machten daraus 1978 mit Parallel Lines eine Hitmaschine. Heart of Glass, ein Discostück auf Drumcomputer-Basis, stand 1979 in Großbritannien und den USA auf Platz eins. Talking Heads gingen vom kargen Debüt 1977 bis zu den vielschichtigen Rhythmen von Remain in Light im Jahr 1980.

In Großbritannien lief unter New Wave vor allem eine Generation von Songschreibern, die aus dem Pub Rock und von kleinen Labels kam. Stiff Records, 1976 gegründet, veröffentlichte 1977 das Debüt von Elvis Costello. The Police begannen als Punk-Band und fanden ihren Stil zwischen Reggae und Pop. XTC, Squeeze, The Jam und The Pretenders verkauften unter demselben Etikett. In den USA gaben The Cars aus Boston und Devo aus Akron dem Genre seinen trockenen, mechanischen Ton.

Synthesizer, MTV und die zweite Phase

Ab 1979 wird die Geschichte elektronisch. Gary Numan stand mit Tubeway Army 1979 an der Spitze der britischen Charts, danach übernahmen Bands, die aus dem Post-Punk in Sheffield, Liverpool und Manchester kamen. The Human League verwandelten sich von einer Experimentalband in eine Popgruppe und landeten mit Dare 1981 das wichtigste Album dieser Phase.

Am 1. August 1981 ging MTV auf Sendung. Britische Bands hatten mehr Videoclips als amerikanische, und so kamen Duran Duran, Culture Club, Eurythmics oder A Flock of Seagulls in amerikanische Wohnzimmer. Zwischen 1982 und 1984 dominierten sie große Teile der US-Charts. Für viele Amerikaner ist das bis heute der Kern von New Wave.

Der deutsche Weg: von New Wave zur NDW

In der Bundesrepublik nahm die Welle eine eigene Form an. Ab 1979 entstand eine Szene, die nicht mehr englisch singen wollte. Fanzines, kleine Labels wie Ata Tak in Düsseldorf und Läden wie Rip Off in Hamburg trugen sie. Daraus wurde die Neue Deutsche Welle, die mit DAF, Fehlfarben und Der Plan begann und 1982 und 1983 mit Nena, Trio und Markus in der Hitparade endete. Wer verstehen will, warum die NDW so schnell kippte, sollte ihre Wurzeln im internationalen New Wave kennen: Der Weg vom Untergrund in die Charts verlief in Hamburg ähnlich wie in London, nur schneller.

Parallel entstand in New York eine Gegenbewegung, die sich ausdrücklich gegen den glatten New Wave stellte und sich No Wave nannte.

Warum New Wave bis heute wichtig ist

New Wave ist der Moment, in dem die Do-it-yourself-Idee des Punk auf die Popsingle traf. Selbst gestaltete Hüllen und Kleinstlabels standen neben teuren Videos und Major-Kampagnen. Was dabei herauskam, hört man bis heute in Filmmusik, Werbung und bei Indie-Bands der Nullerjahre, die Gitarrenfiguren und Beats direkt von 1979 übernommen haben.

Womit man anfangen sollte

Drei Platten aus drei Momenten reichen für den Anfang: Parallel Lines von Blondie für New York, This Year’s Model von Elvis Costello für die britischen Songschreiber und Dare von The Human League für die Synthesizer-Zeit. Danach helfen unsere Auswahl der besten New-Wave-Songs und der Überblick über die wichtigsten New-Wave-Bands. Den Hintergrund liefert die Geschichte des Punk, und wie die Zeitschriften diese Bands benannten und verkauften, steht in unserem Text über die Musikpresse der 70er.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Punk und New Wave?

Beide kommen aus denselben Clubs und denselben Jahren. Punk behielt das Rohe und Konfrontative, New Wave behielt die Energie und fügte Melodie, Ironie, Keyboards und den Willen zum Radiohit hinzu. Viele Bands, etwa Blondie oder Talking Heads, galten 1976 als Punk und 1978 als New Wave, ohne sich stark verändert zu haben.

Ist die Neue Deutsche Welle dasselbe wie New Wave?

Die NDW ist der deutsche Ableger, aber kein reiner Import. Sie begann als Szene kleiner Labels und deutschsprachiger Bands, die sich bewusst von angloamerikanischen Vorbildern lösen wollten, und wurde erst ab 1981 zum Chartphänomen.

Gehört Synthiepop zu New Wave?

Meist ja. Bands wie The Human League, Soft Cell oder Depeche Mode kamen aus dem Post-Punk-Umfeld und wurden besonders in den USA als New Wave vermarktet.

Wann war New Wave am erfolgreichsten?

Die ersten wichtigen Platten erschienen 1977 und 1978. Kommerziell lag der Höhepunkt zwischen 1981 und 1984, als MTV britische Bands in die amerikanischen Charts brachte und in Deutschland die NDW die Hitparade füllte.

Mehr aus Stile