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No Wave: New Yorks Verweigerung

No Wave erklärt: die New Yorker Szene um DNA, Mars, Teenage Jesus und die Contortions, die Konzerte im Artists Space 1978, Brian Enos No New York und das Erbe bis heute.

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No Wave war eine New Yorker Szene von etwa 1977 bis 1982, die Punk und New Wave gleichermaßen ablehnte. Ihre Bands spielten atonale, kratzende Gitarren, Free-Jazz-Saxofon und Discorhythmen, die sie in Stücke zerlegten. Gesungen wurde selten, geschrien oft. Songs, Technik und Karriere interessierten kaum jemanden, und viele Gruppen lösten sich nach ein paar Konzerten wieder auf. Der Name sagt alles: Während die Plattenindustrie die neue Welle verkaufte, antworteten diese Musikerinnen und Musiker mit einem Nein.

Die meisten kennen No Wave über eine einzige Platte, den Sampler No New York von 1978. Dahinter stand eine kleine, dichte Szene aus Musik, Film und Malerei im Süden Manhattans.

Wie es dazu kam

1977 unterschrieben die Bands aus dem CBGB Plattenverträge, und der New Yorker Punk von 1975 wurde zu einem Sound mit Regeln. Eine jüngere Generation, die oft nach New York gekommen war, um zu malen, Filme zu drehen oder zu schreiben, sah darin Verrat an der ursprünglichen Idee. Sie nahm das Punk-Versprechen, man müsse nicht spielen können, wörtlich und ging weiter: Wer nicht spielen können muss, braucht auch keine Akkorde, keinen Takt und keinen Refrain.

Viele der wichtigsten Figuren hatten keine musikalische Ausbildung. Lydia Lunch kam als Jugendliche aus Rochester in die Stadt. Arto Lindsay von DNA stimmte seine zwölfsaitige Gitarre nach Gehör oder gar nicht. Ikue Mori, die Schlagzeugerin von DNA, kam aus Tokio und hatte vorher kaum getrommelt.

Die Bands

  1. Teenage Jesus and the Jerks. Die Band von Lydia Lunch spielte sehr kurze, extrem langsame und laute Stücke, als bewusste Verneinung des Punk-Tempos.
  2. The Contortions. Saxofonist und Sänger James Chance verband Free Jazz mit Funk im Stil von James Brown und ging sein Publikum körperlich an. Als James White and the Blacks machte er eine Discoversion derselben Idee.
  3. DNA. Arto Lindsay, Ikue Mori und Robin Crutchfield, später Tim Wright, spielten kurze Ausbrüche aus Gitarrenlärm und gebrochenem Rhythmus.
  4. Mars. Die abstrakteste der vier Bands, mit zerfallenden Strukturen und Gitarren als reiner Klangfläche.
  5. Theoretical Girls. Die Band von Glenn Branca und Jeffrey Lohn, eine Brücke zu den Minimalisten der Downtown-Szene.
  6. Bush Tetras und ESG. Die tanzbare Seite. ESG waren Schwestern aus der South Bronx, deren minimaler Funk später im Hip-Hop oft gesampelt wurde.

Artists Space und No New York

Im Mai 1978 veranstaltete die Galerie Artists Space eine Konzertreihe mit rund zehn No-Wave-Bands, darunter DNA, die Contortions, Mars, Teenage Jesus and the Jerks, Theoretical Girls und die Gynecologists. Im Publikum stand Brian Eno, der damals mit Talking Heads in New York arbeitete. Er beschloss, die Szene festzuhalten, und brachte Antilles, ein Unterlabel von Island Records, dazu, einen Sampler zu veröffentlichen.

No New York erschien noch 1978, mit je vier Stücken der Contortions, von Teenage Jesus and the Jerks, Mars und DNA. Eno nahm die Bands schnell und mit wenig Eingriffen auf. Die Platte verkaufte sich bescheiden, legte aber den Kanon fest. Bands, die nicht darauf waren, fühlten sich übergangen, weil ein Außenstehender die Szene auf eine Auswahl reduziert hatte.

Labels, Clubs und Kino

ZE Records, 1978 von Michael Zilkha und Michel Esteban gegründet, veröffentlichte 1979 das Contortions-Album Buy und Off White von James White and the Blacks, später die Mutant-Disco-Sampler, die No Wave mit der Tanzfläche verbanden. Der Mudd Club in Tribeca, 1978 eröffnet, wurde zum wichtigsten Auftrittsort.

Film war so wichtig wie Musik. Amos Poe, Vivienne Dick sowie Beth B und Scott B drehten auf Super 8, oft mit Musikern aus der Szene als Darstellern. No Wave Cinema heißt diese Parallelbewegung. Der Film Downtown 81, gedreht 1980 und 1981 mit Jean-Michel Basquiat, der selbst in der Lärmband Gray spielte, zeigt die Welt, in der diese Bands lebten.

Ende und Nachwirkung

Um 1980 waren die meisten Originalbands aufgelöst. Die Ideen aber verbreiteten sich. Glenn Branca schrieb Sinfonien für viele elektrische Gitarren, in seinen Ensembles spielten Thurston Moore und Lee Ranaldo, die 1981 Sonic Youth gründeten. Michael Gira trieb mit Swans die Langsamkeit von Teenage Jesus ins Extrem.

Für deutsche Leser ist die Parallele zu West-Berlin interessant. Etwa zur selben Zeit arbeiteten dort Einstürzende Neubauten, Malaria! und Mania D mit Lärm, Metall und der Verweigerung von Songform. Eine direkte Bewegung war das nicht, aber es gab Kontakte und Auftritte in beiden Städten. Wer die Berliner Seite der Neuen Deutschen Welle kennt, versteht No Wave schneller.

Verglichen mit dem britischen Post-Punk war No Wave radikaler, kurzlebiger und enger an die Kunstwelt gebunden. Es ist das deutlichste Beispiel dafür, wie sich die Punk-Idee gegen den New Wave der Industrie wenden ließ, genau in dem Moment, als die Industrie ihn übernahm.

Die wichtigsten Platten

  1. Various Artists, No New York (1978, Antilles). Der Kanon in sechzehn Stücken, je vier von vier Bands.
  2. Contortions, Buy (1979, ZE). Free Jazz und Funk, nervös und aggressiv.
  3. James White and the Blacks, Off White (1979, ZE). Dieselbe Idee auf der Tanzfläche.
  4. Bush Tetras, Too Many Creeps (Single, 1980). Der tanzbare Kommentar zur Großstadt.
  5. DNA, A Taste of DNA (EP, 1981). Die späte, etwas zugänglichere Phase der Band.
  6. ESG, ESG (EP, 1981, 99 Records). Minimaler Funk aus der Bronx, der später im Hip-Hop weiterlebte.

Womit man anfangen sollte

Mit No New York, danach Buy von den Contortions. Wem das zu laut ist, der beginnt mit den frühen Aufnahmen von ESG, die die tanzbare Seite derselben Szene zeigen. Den Zusammenhang liefern unsere Seite über New York Punk und die Auswahl der Post-Punk-Bands.

Häufige Fragen

Was bedeutet No Wave?

Der Name ist ein Wortspiel mit New Wave und steht für Verweigerung. Die Bands wollten nicht der nächste vermarktbare Stil sein. Sie lehnten Songform, Stimmung der Instrumente und Technik ab, viele lösten sich auf, bevor sie ein Album aufgenommen hatten.

Welche Bands gehören zu No Wave?

Zum Kern zählen die Contortions um James Chance, Teenage Jesus and the Jerks mit Lydia Lunch, Mars und DNA mit Arto Lindsay und Ikue Mori. Dazu kommen Theoretical Girls, die Gynecologists, Bush Tetras, ESG und viele kurzlebige Gruppen.

Gibt es eine Verbindung zwischen No Wave und Berlin?

Ja, eine lose. Musikerinnen und Musiker aus der New Yorker Szene traten um 1980 auch in West-Berlin auf, und die Berliner Bands um Einstürzende Neubauten, Malaria! und Mania D teilten den Ansatz, mit Lärm und Verweigerung zu arbeiten. Eine gemeinsame Bewegung war es nicht.

Sind Sonic Youth No Wave?

Sonic Youth gründeten sich 1981, am Ende der No-Wave-Zeit, und kommen direkt aus ihr. Thurston Moore und Lee Ranaldo spielten in Glenn Brancas Gitarrenensembles. Sie gelten eher als erfolgreichste Erben denn als Kernband.

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