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Punk-Fanzines: von Sniffin' Glue an

Sniffin' Glue, Punk, Search & Destroy und das erste deutsche Fanzine The Ostrich: wie Punk-Fanzines entstanden, wer sie machte und warum sie so viel bewirkten.

Presse Veröffentlicht

Sniffin’ Glue war das Fanzine, das jedem mit einer Schreibmaschine zeigte, dass er mitmachen konnte. Mark Perry, Bankangestellter aus Deptford im Süden Londons, brachte die erste Ausgabe im Juli 1976 heraus, kurz nachdem er die Ramones gesehen hatte. Die erste Auflage lag bei rund 50 Exemplaren, getippt, teils von Hand beschriftet, kopiert und getackert. Innerhalb eines Jahres stieg die Auflage auf einen Wert, der meist mit 15.000 angegeben wird, und nach zwölf Ausgaben hörte Perry 1977 auf, statt ein normales Magazin daraus zu machen. In Deutschland begann dieselbe Geschichte im März 1977 in Düsseldorf mit The Ostrich. Fanzines berichteten nicht nur über Punk, sie bewiesen seine Grundidee: Man braucht keine Erlaubnis, um etwas zu machen. Wir beschreiben die Hefte in eigenen Worten und zeigen keine Seiten.

Punk aus New York: das Vorbild

Vor Sniffin’ Glue gab es Punk, im Januar 1976 in New York von dem Zeichner John Holmstrom sowie Legs McNeil und Ged Dunn gegründet. Das Heft sah aus wie eine Mischung aus Comic und Schülerzeitung, mit handgezeichneten Überschriften und Interviews zwischen Ernst und Albernheit. In der ersten Ausgabe ging es um Lou Reed und die Ramones. Punk erschien bis 1979 und half, das Wort Punk mit der Szene zu verbinden. Die Szene dahinter beschreibt New York Punk.

Sniffin’ Glue von innen

Perry nahm den Titel von einem Ramones-Song und schrieb anfangs fast alles selbst. Die Kritiken waren direkt, die Rechtschreibung zweitrangig, die Meinungen stark. Das Heft begleitete die Bands, die in der zweiten Jahreshälfte 1976 in Londons kleinen Clubs spielten, von den Sex Pistols über The Clash bis zu The Damned, und ist eine der Quellen dafür, was in diesem Jahr passierte. Die Ereignisse fasst unser Beitrag London 1976 zusammen.

Vier Dinge machten das Heft so wirksam:

  1. Tempo. Ein Fanzine konnte Tage nach einem Konzert erscheinen. Die Wochenzeitungen brauchten einen Platz im Heft und die Zustimmung eines Redakteurs.
  2. Ton. Perry schrieb als Fan für Fans. Daneben wirkte die etablierte Musikpresse alt und langsam.
  3. Nähe. Bands sprachen lieber mit Gleichaltrigen aus denselben Clubs als mit Journalisten.
  4. Vorbild. Wer ein Heft in der Hand hielt, sah sofort, wie es gemacht war. Innerhalb weniger Monate folgten Dutzende neue Titel.

Perry gründete später die Band Alternative TV. Der zwölften und letzten Ausgabe lag eine Flexi-Single mit dem ersten Song der Band bei. Danach stellte er das Heft ein, weil er nicht Teil des Musikgeschäfts werden wollte, über das er sich lustig gemacht hatte. Ob die letzte Ausgabe im August oder September 1977 erschien, geben die Quellen unterschiedlich an.

Wie ein Fanzine entstand

Die Technik war bewusst einfach. Texte wurden auf der Schreibmaschine getippt oder mit Filzstift geschrieben, Überschriften aus Zeitungen ausgeschnitten oder mit Abreibebuchstaben gesetzt, Fotos und Zeichnungen aufgeklebt. Die fertigen Vorlagen gingen in den Copyshop oder zu jemandem, der im Büro Zugang zu einem Kopierer hatte. Danach wurde gefaltet und getackert, oft am Küchentisch. Verkauft wurde auf Konzerten, in Plattenläden oder per Post gegen ein paar Briefmarken. Gerade diese Machart war Teil der Botschaft: Jede Seite zeigte, dass hier niemand auf eine Redaktion, einen Verlag oder ein Budget gewartet hatte.

Die britische Welle

Nach Sniffin’ Glue entstanden 1976 und 1977 zahlreiche Hefte. Ripped & Torn von Tony D hielt länger durch als das Vorbild. Sideburns ist vor allem wegen einer handgezeichneten Seite bekannt, die drei Gitarrengriffe zeigt und die Leser auffordert, eine Band zu gründen. Diese Seite wird bis heute als Zusammenfassung des Punk zitiert und oft fälschlich Sniffin’ Glue zugeschrieben. Jamming! begann 1977 als Schülerheft von Tony Fletcher und wurde in den Achtzigern ein richtiges Magazin. Die meisten Titel hatten Auflagen von einigen hundert Stück und wurden auf Konzerten oder per Post verkauft.

USA: größer, politischer, härter

An der Westküste wurden die Hefte grafischer. Search & Destroy, 1977 in San Francisco von V. Vale gegründet, dokumentierte die Szene im Großformat mit starken Fotos. Slash aus Los Angeles berichtete über X und die Germs und wurde später ein Plattenlabel. In den Achtzigern wurde Maximumrocknroll aus der Bay Area zum wichtigsten Heft des Hardcore, mit Szeneberichten aus aller Welt, auch aus der Bundesrepublik.

The Ostrich und die deutschen Fanzines

Das erste deutsche Punk-Fanzine war nach allgemeiner Einschätzung The Ostrich aus Düsseldorf. Die erste Ausgabe erschien im März 1977 mit rund 50 Exemplaren. Herausgeber war Franz Bielmeier, der kurz darauf Gitarrist und Texter bei Mittagspause wurde, einer der Vorgängerbands von Fehlfarben. Das Heft wuchs schnell auf rund 300 Exemplare und endete 1979, als die erste Punkphase vorbei war.

The Ostrich zeigt, wie eng in Deutschland Fanzine, Band und Label zusammenhingen. Wer ein Heft machte, spielte oft auch in einer Band, organisierte Konzerte oder verkaufte Kassetten. Aus diesem Netz in Düsseldorf, Hamburg, Hannover und West-Berlin entstand der Untergrund, der später unter dem Namen Neue Deutsche Welle bekannt wurde. Viele der Bands aus diesen Heften finden Sie in unserer Liste der Punk-Bands.

Die Tradition riss nie ab. In den Achtzigern erschienen zahlreiche Hardcore-Fanzines, und das Ox-Fanzine, 1988 in Heidenheim an der Brenz gegründet, erste Ausgabe im Januar 1989, erscheint bis heute.

Warum Fanzines heute so wertvoll sind

Fanzines zeigen Punk, bevor Presse und Plattenfirmen ihn übernahmen: welche Bands wo spielten, worüber das Publikum stritt, welche Ausdrücke in Gebrauch waren. Originale sind selten, weil die meisten Hefte im Müll landeten. Für Sniffin’ Glue gibt es einen Sammelband mit allen zwölf Ausgaben. Wie die etablierten Blätter über dieselben Ereignisse schrieben, steht im Beitrag zur Musikpresse der 70er.

Häufige Fragen

Was war Sniffin' Glue?

Sniffin' Glue war ein britisches Punk-Fanzine, das Mark Perry ab Juli 1976 schrieb und herausgab. Der Name stammt von einem Ramones-Song. Die Hefte waren getippt, teils handgeschrieben, kopiert und getackert und wurden zur bekanntesten Stimme der Londoner Szene, bis Perry 1977 aufhörte.

Was war das erste deutsche Punk-Fanzine?

Als erstes deutsches Punk-Fanzine gilt The Ostrich aus Düsseldorf. Die erste Ausgabe erschien im März 1977 mit rund 50 Exemplaren, später waren es rund 300, 1979 war Schluss. Herausgeber Franz Bielmeier spielte später bei Mittagspause.

Gibt es Punk-Fanzines heute noch?

Ja. In Deutschland erscheint zum Beispiel das Ox-Fanzine, 1988 in Heidenheim gegründet, seit Jahrzehnten. Daneben gibt es viele kleine, oft nur lokal verteilte Hefte, und die Do-it-yourself-Idee lebt in Blogs und Newslettern weiter.